Pfr. Schümmer | Ev. Cyriakusgemeinde Frankfurt-Rödelheim
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Cyriakusgemeinde

Evangelisch in Rödelheim

Gescheitert – und dann…?

28. Februar 2021
Erwachsene
Gottesdienst

Gescheitert – und dann…?

Am heutigen 2. Sonntag der Passionszeit feiern wir Gottesdienst zuhause. Dabei nimmt uns der Predigttext mit in die Zeit Jesajas. In seinem Weinberglied besingt der Prophet zunächst die Sorgfalt, mit der ein Weinbauer sein Projekt – den Weinberg als Sinnbild für das Volk Israel – auf die Bahn bringt. Doch dann muss genau dieser Weinbauer mit ansehen, wie sein Projekt scheitert. Das Loblied auf die irdischen Pläne wird zu einem Lamento über das Scheitern unseres irdischen Wollens.

Ein kleiner Hinweis: Sollten Sie im Text der Andacht seltsame +-Zeichen zehen, so bitten wir Sie, die App zu aktualisieren.

Gottesdienst zuhause am 2. Sonntag der Passionszeit

Ankommen

Nehmen Sie sich etwas Zeit, im Gottesdienst anzukommen. Denken Sie an die anderen Christinnen und Christen aus Rödelheim, aus Frankfurt, an den Fernsehgeräten und Radioempfängern, in den Kirchen der Städte, die frei von einer Pandemie sind. Einige von ihnen werden an diesem Morgen einen Moment der Stille erfahren. Denn sie suchen Halt in dem Vater, der Himmel und Erde geschaffen hat, in dem Sohn, der ihnen zum Bruder geworden ist, und in der Kraft des Heiligen Geistes, die sie trägt und tröstet.

Votum

Und so feiern wir gemeinsam im Namen Gottes,
des Vaters
und des Sohnes
und des Heiligen Geistes.
Amen.

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Passionszeit ist Zeit der Besinnung und der Reflexion.
Passionszeit ist ein Moment, in dem die Last des Lebens spürbar wird.
Passionszeit ist der Ort, an dem die Sorge vor Gott abgelegt werden kann.

Klage

Gott,
so viel ist in den letzten Monaten zerbrochen!
Das mit so viel Energie aufgebaute Geschäft – für manche ist es dahin und sie stehen vor dem Ruin.
Die mit Disziplin erkämpfte körperliche Kondition – für manche ist sie dahin, nachdem Corona ihnen den Atem nahm.
Die durch Bildung erworbene Zuversicht – für manche ist sie zerplatzt, denn der Glaube an unsere technische Allmacht hat Risse bekommen.
Der Glaube an einen gütigen Gott – für manche ist er nur noch Illusion angesichts des großen Leids von Menschen, die isoliert von ihren Familien auf den Intensivstationen sterben.
Ja, Gott,
so viel ist in den letzten Monaten zerbrochen!
Gott, erbarme dich unser.

Gott rufet noch (EG 392)

1Gott rufet noch. Sollt ich nicht endlich hören?
Wie lass ich mich bezaubern und betören!
Die kurze Freud, die kurze Zeit vergeht,
und meine Seel noch so gefährlich steht.

2Gott rufet noch. Sollt ich nicht endlich kommen?
Ich hab so lang die treue Stimm vernommen.
Ich wusst es wohl: ich war nicht, wie ich sollt.
Er winkte mir, ich habe nicht gewollt.

3Gott rufet noch. Wie, dass ich mich nicht gebe!
Ich fürcht sein Joch und doch in Banden lebe.
Ich halte Gott und meine Seele auf.
Er ziehet mich; mein armes Herze, lauf!

4Gott rufet noch. Ob ich mein Ohr verstopfet,
er stehet noch an meiner Tür und klopfet.
Er ist bereit, dass er mich noch empfang.
Er wartet noch auf mich; wer weiß, wie lang?

Lied zum Zuhören und Mitsingen

Ein Rufer in den Weinbergen

Wir gehen diesem Rufen Gottes hinterher, hören ganz genau hin und begegnen einem Propheten aus längst vergangenen Zeiten. Es ist Jesaja. Er singt mir in diesen Tagen aus dem Herzen. Sicher, es ist die Sprache einer Gesellschaft, die noch vom Ackerbau, von der Landwirtschaft und vom Weinbau abhängig war. Aber es ist vor allem die Sprache eines Machers, der an seine Grenzen stößt.

Jesaja 5, 1+2

1Ein Lied von meinem Freund will ich euch singen.
Es ist das Lied von meinem Freund und seinem Weinberg:
Mein Freund hatte einen Weinberg
auf einem fruchtbaren Hügel.
2Er grub ihn um, entfernte die Steine
und bepflanzte ihn mit den besten Weinstöcken.
Mittendrin baute er einen Wachturm.
Auch eine Kelter zum Pressen der Trauben hob er aus.

Dieser Weinbauer hatte einen Plan. Er zeigte Unternehmergeist und brannte für sein Projekt. Er übte Sorgfalt, setzte die einzelnen Schritte wie ein Profi um und alle waren sich sicher, dass bei einer so guten Leistung nichts mehr schief gehen kann.

Unweigerlich muss ich an die vielen Unternehmerinnen und Unternehmer unserer Tage denken. Nicht an die großen, sondern an die, die das Wenige was sie hatten, aufs Spiel gesetzt haben, um sich eine Existenz aufzubauen. Wie viel Liebe sie wohl in ihre Zukunft gesteckt haben. Da ist zum Beispiel die Restaurantbesitzerin, die tagein tagaus ihr Restaurant in einen Ort der Gastfreundschaft verwandelt hat.

Restaurant0

Wahrscheinlich waren sie nicht viel anders als der Weinbauer, von dem Jesaja singt.

Jesaja 5, 2

Dann wartete er auf eine gute Traubenernte,
aber der Weinberg brachte nur schlechte Beeren hervor.

Das muss ich erst einmal verdauen. Es sah doch alles so gut aus. Nach menschlichem Ermessen hätte es gelingen sollen.

Aber die Ernte stellt sich nicht ein. Ist es Strafe? Ist es Schicksal?

Die gute Ernte bleibt für viele Menschen in diesen Tagen aus. Ich kenne nur wenige Menschen, denen die Pandemie nicht die Ernte verhagelt hat. Manchmal war es wortwörtlich die Ernte oder der Ertrag. Manchmal war es die Belohnung, die sich diese Menschen selbst versprochen hatten: Das erholsame Fest in der Familie oder unter Freunden, der lang geplante Urlaub, ja, manchmal auch die Gesundheit. Alles gescheitert.

Im Falle unserer Restaurantbesitzerin ist es das Bewirtungsverbot, das ihr den Boden unter den Füßen wegreißt. Die Tische bleiben leer, die Stühle nach vorne gelegt.

Stühle

Uns verbindet in diesen Tagen, dass wir alle eine Geschichte des Scheiterns kennengelernt haben.

Hätten sie noch mehr tun können, um das Scheitern zu verhindern? Ich höre auch diese Frage oft, gerade, wenn Menschen an Corona erkranken und ihre Gesundheit in kurzer Zeit zu zerbrechen droht. Was hätte man noch mehr tun können? Noch eine Maske, noch weniger Kontakte, noch mehr Disziplin? All das mag man fragen, doch was antworte ich, wenn jemand voller Sorgfalt unterwegs war und dennoch durch die Krankheit aus der Bahn geworfen wird?

Auch der Weinbauer bei Jesaja fragt sich, was er hätte tun können.

Jesaja 5, 3+4

3Jetzt urteilt selbst,
ihr Einwohner von Jerusalem und ihr Leute von Juda!
Wer ist im Recht – ich oder mein Weinberg?
4Habe ich irgendetwas vergessen?
Was hätte ich für meinen Weinberg noch tun sollen?
Ich konnte doch erwarten, dass er gute Trauben trägt.
Warum hat er nur schlechte Beeren hervorgebracht?

Wir schauen auf die Geschichten des Scheiterns und spüren, wie das Warum an uns nagt. Denn das Leid schreit nach einer Erklärung. Aber es stellt sich keine Erklärung ein – zumindest keine, die dem Kreisen der Gedanken ein Ende bereitet.

Lockdown

Den Weinbauer packt die Wut und er kann nicht anders, als die Spuren der Arbeit zu vernichten.

Jesaja 5, 5+6

5Ich will euch sagen,
was ich mit meinem Weinberg tun werde:
Die Hecke um ihn herum werde ich entfernen
und seine Schutzmauer niederreißen.
Dann werden die Tiere ihn kahl fressen und zertrampeln.
6Ich werde ihn völlig verwildern lassen:
Die Reben werden nicht mehr beschnitten
und der Boden nicht mehr gehackt.
Dornen und Disteln werden ihn überwuchern.
Den Wolken werde ich verbieten,
ihn mit Regen zu bewässern.

Das Herzensprojekt, auf das er so stolz war, weckt im Moment des Scheiterns nur noch Zorn: Zorn auf die Umwelt genauso wie Zorn auf das Projekt.

Der Gastronom steht in seinem leeren Restaurant und es bleibt Fassungslosigkeit. Er mag um sich schlagen und alles kurz und klein hauen.

Von klein auf kennen manche dieses Gefühl. Da wurde ein Bauwerk aus Bausteinen gebaut. Doch dann beginnt ein Teil zu wackeln und so sehr man sich als Kind bemüht hat, es will einfach nicht mehr gelingen, einen weiteren Stein oben auf das Bauwerk zu setzen. Die Wut wächst mit jedem Versuch und am Ende folgt ein Fußtritt, der die Fundamente des Bauwerks zum Einstürzen bringt.

Doch bringt das Frieden? Mir hat es im Nachhinein stets noch mehr Schmerz bereitet. Denn mit dem Einstürzen des Gebäudes stürzte nicht selten die damit verbundene Hoffnung ein.

Bei Jesaja galt diese Hoffnung dem Volk Israel und ganz besonders dem Hause Juda:

Jesaja 5,7

7Wer ist dieser Weinberg?
Der Weinberg des Herrn Zebaot,
das sind die Bewohner von Israel.
Die Leute von Juda,
sie sind sein Lieblingsgarten.
Der Herr wartete auf Rechtsspruch,
doch seht her, da war Rechtsbruch.
Er wartete auf Gerechtigkeit,
doch hört nur, wie der Rechtlose schreit.

Gott stellt sich selbst auf die Probe – mitten im Scheitern. Gott hat alles unternommen, um für seinen Weinberg einen guten Weg einzuschlagen. Doch auch ihm gelingt es nicht. Gottes Herzensprojekt ist an einem Punkt angelangt, wo auch Gott sich ein Scheitern eingestehen muss. Der Zorn wird zur Trauer. Das Projekt hätte jetzt sein endgültiges Ende haben können. Doch Gott setzt keinen Punkt. Das lehrt uns die Geschichte. Gott gibt sein Projekt auch im Scheitern nicht auf. Da ist Hoffnung. Vielleicht nicht in diesem Projekt, aber im Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Denn Gottes Projekt mit Israel bleibt ein Herzensprojekt. Der Zorn wird überwunden, auch wenn der Weinberg für einen Moment wüst am Boden liegt. Gott lässt die Beziehung nicht fallen. Sie hält die Wut und den Drang, alles kurz und klein zu schlagen, aus.

Es fühlt sich viel eher so an, wie im Psalm des Tages:

Psalm 25,1-7

1Zu dir, Herr, trage ich,
was mir auf der Seele liegt.

2Mein Gott, auf dich vertraue ich.
Lass mich keine Enttäuschung erfahren!
Sonst triumphieren meine Feinde über mich.

3Es wird ja keiner enttäuscht, der auf dich hofft.
Enttäuscht wird nur, wer dich treulos verlässt.

4Zeige mir deine Wege, Herr,
und lehre mich, deinen Pfaden zu folgen!

5Lass mich nach deiner Wahrheit leben und lehre mich!
Denn du bist es, Gott, der mir hilft!

Auf dich hoffe ich den ganzen Tag!

6Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Herr!
Denn schon seit Urzeiten bestehen sie.

7Aber an meine Vergehen sollst du nicht denken –
auch nicht an die Sünden aus meinen Jugendtagen!

Denk so an mich, wie es deiner Güte entspricht!
Du meinst es doch gut mit mir, Herr.

Was auch immer beim Scheitern zerbricht, Gottes Barmherzigkeit bleibt. Und wir können uns in unserem Scheitern eine Scheibe von dieser Barmherzigkeit abschneiden, wenn wir auf unser eigenes Scheitern schauen. Dann können wir auch uns im Scheitern verzeihen und vielleicht gelingt es, das eigene Herz zu hören. Wir selbst müssen nicht mit dem gescheiterten Projekt untergehen. Denn Gottes Barmherzigkeit nimmt sich unserem Herz an. Dann kommt Gottes Geist als Tröster und als Gottesknecht wieder zu denen, deren Lebensprojekte so sehr gescheitert sind. Und so umhülle euch Gottes Barmherzigkeit bei jedem Herzschlag und bei jedem Atemzug – in diesem Leben und darüber hinaus.

Amen.

Mir ist Erbarmung widerfahren

1Mir ist Erbarmung widerfahren,
Erbarmung, deren ich nicht wert;
das zähl ich zu dem Wunderbaren,
mein stolzes Herz hat’s nie begehrt.
Nun weiß ich das und bin erfreut
und rühme die Barmherzigkeit.

2Ich hatte nichts als Zorn verdienet
und soll bei Gott in Gnaden sein;
Gott hat mich mit sich selbst versühnet
und macht durchs Blut des Sohns mich rein.
Wo kam dies her, warum geschieht’s?
Erbarmung ist’s und weiter nichts.

3Das muss ich dir, mein Gott, bekennen,
das rühm ich, wenn ein Mensch mich fragt;
ich kann es nur Erbarmung nennen,
so ist mein ganzes Herz gesagt.
Ich beuge mich und bin erfreut
und rühme die Barmherzigkeit.

4Dies lass ich kein Geschöpf mir rauben,
dies soll mein einzig Rühmen sein;
auf dies Erbarmen will ich glauben,
auf dieses bet ich auch allein,
auf dieses duld ich in der Not,
auf dieses hoff ich noch im Tod.

5Gott, der du reich bist an Erbarmen,
reiß dein Erbarmen nicht von mir
und führe durch den Tod mich Armen
durch meines Heilands Tod zu dir;
da bin ich ewig recht erfreut
und rühme die Barmherzigkeit.

Das Lied auf YouTube

Segen

Und so segne dich Gott,
wenn der Boden unter dir ins Wanken gerät sei er bei dir,
wenn dein Blick von Tränen des Verlusts getrübt ist, nehme er dich an die Hand,
wenn die Furcht dich ergreift, lege er seinen Arm um deine Schultern.
So segne dich Gott und umhülle dich mit seiner Barmherzigkeit.
Amen.