Pfr. Schümmer | Ev. Cyriakusgemeinde Frankfurt-Rödelheim
Pfr. Schümmer | Ev. Cyriakusgemeinde Frankfurt-Rödelheim

Cyriakusgemeinde

Evangelisch in Rödelheim

Schaut hin – lasst euch stärken (Predigt zuhause)

14. März 2021
Gottesdienst

Gottesdienst zur Einstimmung auf den Ökumenischen Kirchentag

Am 14. März trafen sich Christinnen und Christen aus Rödelheim zum ökumenischen Gottesdienst in St. Antonius.

Wir waren in Gedanken verbunden mit Ihnen, die Sie zu Hause blieben. Deshalb stimmen Sie mit ein in das Lob Gottes und die Feier der Gemeinschaft.

So sind wir miteinander verbunden im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

Zwei Monate vor dem Kirchentag sehnen wir uns nach Gemeinschaft.

Wir spüren, wie sehr uns der gemeinsame Gesang fehlt.
Wir vermissen den Blick der Nachbarin oder des Nachbars in der Bankreihe.
Wir spüren nur noch eine Erinnerung an den Händedruck oder die Umarmung.
Gott, sei du bei uns, wenn es um uns herum einsam wird.
Sei du da, wenn die Zeit des Lockdowns zu einer Fastenzeit ohne absehbares Ende wird.
Schenke du uns Hoffnung auf ein neues Miteinander.
Öffne unsere Augen und Ohren,
dass wir die Lichtblicke und Glücksmomente dieser Tage sehen und hören.
Das bitten wir dich, der du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Amen.

Unser Gottesdienst war begleitet von Liedern, die Mut machen wollten. eines davon handelt von der Sehnsucht nach Gottes Nähe, wie sie im Gebet zum Ausdruck kam.

Da wohnt ein Sehnen tief in uns!

Es ist manchmal in unseren Tagen alles andere als leicht, den Glauben an die Zuwendung Gottes zu behalten. Doch der Kirchentag lädt uns ein, im Leben genau hinzuschauen. Schaut hin, heißt das Motto. Es stammt aus der wohl bekanntesten Wundergeschichte aus dem Markus-Evangelium: Der Speisung der 5000.

Markus 6, 30-44

30Die Apostel kamen zu Jesus zurück.
Sie berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.
31Er sagte zu ihnen:
»Kommt mit an einen ruhigen Ort, nur ihr allein,
und ruht euch ein wenig aus.«
Denn ständig kamen und gingen die Leute.
Sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen.
32Also fuhren sie mit dem Boot an eine abgelegene Stelle,
um für sich allein zu sein.

33Die Leute sahen sie abfahren,
und viele erkannten, wo sie hinwollten.
So strömten sie auf dem Landweg aus allen umliegenden Orten herbei
und kamen noch vor ihnen dorthin.
34Als Jesus ausstieg, sah er die große Volksmenge.
Da bekam er Mitleid mit den Menschen,
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Darum lehrte er sie lange.
35So vergingen viele Stunden.
Da kamen seine Jünger zu ihm und sagten:
»Es ist eine einsame Gegend hier,
und es ist schon sehr spät.
36Schick doch die Leute weg.
Dann können sie in die umliegenden Höfe und Dörfer gehen
und sich etwas zu essen kaufen.«
37Aber Jesus antwortete:
»Gebt doch ihr ihnen etwas zu essen.«
Da sagten sie zu ihm:
»Sollen wir etwa losgehen und für 200 Silberstücke Brot kaufen
und es ihnen zu essen geben?«
38Jesus fragte sie:
»Wie viele Brote habt ihr dabei?
Geht und seht nach.«
Als sie es herausgefunden hatten, sagten sie:
»Fünf, und zwei Fische.«
39Dann ordnete Jesus an:
»Alle sollen sich in Gruppen zum Essen im grünen Gras niederlassen.«
40So setzten sich die Leute in Gruppen zu hundert oder zu fünfzig.
41Dann nahm Jesus die fünf Brote und die zwei Fische.
Er blickte zum Himmel auf und dankte Gott.
Dann brach er die Brote in Stücke
und gab sie seinen Jüngern, die sie verteilen sollten.
Auch die zwei Fische ließ er an alle austeilen.
42Die Leute aßen, und alle wurden satt.
43Danach sammelten sie die Reste von Brot und Fisch,
die sie übrig gelassen hatten – zwölf Körbe voll.
44Es waren 5000 Männer, die von den Broten gegessen hatten.

Gedanken zum Predigttext

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Ja, Gnade war mit uns, als wir zu 5000 am Rand des Ufers standen. Wir wollten Jesus hören. Denn es wurde so viel schon über ihn erzählt. Wir spürten diese Sehnsucht nach einem anderen Leben. Denn unser Leben war eng geworden. Spielräume schien es kaum noch zu geben. Wir lebten im alltäglichen Trott, aber Hoffnung auf etwas wirklich Neues hatten wir schon lange nicht mehr.

Ach – Gnade. Wie sehr wünsche ich mir dies in unseren Tagen. Ein ganzes Jahr ist vergangen. Ein ganzes Jahr sind die Kontakte eingeschränkt. Enge Grenzen wo auch immer ich hinsehe. Seit ein paar Monaten sind sie noch deutlicher zu spüren. Lockdown nennt man es – ein Wort, das zuerst für Gefängnisse genutzt wurde und auf deutsch übersetzt so viel wie Einschluss bedeutet. Wenn ein Gefängnis, das eh schon wenig Spielräume bietet, die Spielräume durch den Einschluss der Häftlinge in ihren Zellen noch weiter einschließt, dann ist jeder dort auf sich gestellt.

Wir ließen uns damals von der Hoffnung anstecken. Auch wenn Jesus selbst müde geworden war und eher Abstand und Einsamkeit suchte, gaben wir nicht auf. Wir sahen ihn weggehen und folgten ihm auf Abstand. Irgendwann musste auch er wieder an Land kommen. Und so liefen wir am Seeufer immer in die Richtung, in der Jesus uns verlassen hatte. Wir sollten Recht behalten. Das Schiff legte wieder an und wir waren schon am Ufer versammelt. Ja, man könnte meinen, wir waren eine orientierungslose Herde von Schafen auf der Suche nach einem Hirten. Aber das ist vielleicht ein Bild aus den vergangenen Tagen. Heute würde ich sagen, unser Verstand hatte keine echte Idee, wie wir aus der Hoffnungslosigkeit herauskommen könnten. Aber unsere Instinkte, das viel beschworene Bauchgefühl, führten uns in die richtige Richtung. Wir ließen uns einfach treiben, weil wir spürten, dass es uns in die richtige Richtung trieb.

Getrieben fühle ich mich in diesen Tagen immer häufiger. Eine Welle jagt die andere. Und wenn es dabei eines gibt, was man sicher sagen kann, dann ist es, dass wir kaum etwas sagen können. Die täglichen Corona-Zahlen im Radio sind zum neuen Ritual geworden. Sie wecken Ängste genauso wie Hoffnungen. Der Verstand versucht so viel wie möglich an den Wellen zu ändern. Wir sind Meister in den neusten Figuren geworden, Abstandstechniken, perfektionierte Masken, angepasste und nicht gerade befreite Arbeit in den Kitas und den Schulen. Betriebe und Geschäfte, die zur Abmilderung der Welle schon lange geschlossen haben. Mit der nötigen Disziplin und Planung versuchen wir, auch bei rauhester See zwischen den Wellen des Virus, der wirtschaftlichen Sorge, der Einsamkeit und des ächzenden Klimas unser Lebensboot in der Spur zu halten. Doch die Wellen lassen nicht nach. Sie begleiten uns Tag für Tag und berauben uns der Sicherheit, alles unter Kontrolle zu haben.

Immerhin plant ihr jeden Tag neu. Uns ging es damals doch etwas anders. Wir brachen ja einfach auf und liefen dem Gefühl der Hoffnung hinterher. Sicher, wir hätten wissen können, dass es spät werden könnte. Aber wir haben einfach nicht daran gedacht.

Und so kam es, dass wir am Abend immer noch alle versammelt waren. Die Helfer Jesu wollten uns eigentlich rechtzeitig fortschicken, damit wir noch vor Toresschluss in den Dörfern etwas zu Essen finden könnten. Aber Jesus schien zu ahnen: Dieser Plan wird nicht aufgehen. So standen wir an diesem einsamen Ort und hatten nicht viel außer unserem Instinkt. Und der hatte vor allem keine Angst. Im Gegenteil: Es fühlte sich alles richtig an in diesem Moment.

Ein Gefühl des FLOWs

Wie sehr würde ich auch einmal wieder dieses Gefühl haben: Dass einfach alles stimmt.

Psychologen unserer Zeit haben einen Namen dafür: Sie nennen es FLOW oder zu deutsch „Fluss“, wenn bei einer Aufgabe oder einer Tätigkeit alles passt. Wenn die Aufgabe nicht zu einfach und nicht zu schwer ist. Wenn es Spaß macht und zugleich eine gewisse Spannung hat. Wenn ich vor allem sicher sein kann, dass ich an der Aufgabe nicht zerbrechen werde.

Wenn ich im Flow bin, dann spielt die Zeit keine Rolle mehr. Dann sorge ich mich nicht im das Morgen, sondern kann ganz im Hier und Jetzt sein. Ich vergesse die Welt um mich herum für einen Moment und spüre: Das Leben ist richtig, wie es gerade jetzt ist.

Ja, wahrscheinlich waren wir damals im FLOW. Wie sonst hätten wir die Zeit vergessen können. Aber genau das hatten wir vermisst. Einfach einmal wieder die Sorgen beiseite schieben und frei von diesen engen Grenzen das Leben spüren, wie Gott es uns verheißen hat.

Und doch war es keine Weltvergessenheit, die den Körper zugrunde gehen ließ. Jesus und seine Jünger hatten ganz genau im Blick, dass wir auch unsere Gesundheit im Blick behalten müssen. Sie merkten noch weit vor uns, dass es Zeit ist, wieder etwas zu essen. Sie spürten, wie wir Nahrung brauchten, selbst wenn wir noch immer vor allem eins erfahren wollten: Wir wollten hören, was Jesus über das Reich Gottes zu erzählen hatte. Denn wir spürten: Das war uns in den letzten Jahren abhanden gekommen. Danach hungerten wir viel mehr als nach allem anderen.

Ich habe oft das Gefühl, dass es uns in den letzten Monaten viel mehr wie den Jüngern ging. Stets waren wir darauf besorgt, dass die Versorgung aufrecht zu erhalten: Es fing mit Klopapier, Mehl und Hefe an. Wir packten die Einkaufswagen voll damit. Dann kamen Desinfektionsmittel und Masken. Zwischendurch auch einmal Haarschneidemaschinen und jetzt Schnelltests. Alles Güter, um uns Sicherheit zu geben und die Sorge um die Grundbedürfnisse zu stillen. Unsere Häuser und Wohnungen waren oft voll damit.

Gut versorgt mit einem Hauch von Luxus

Ob viele von uns doch noch etwas zu Essen in den Taschen hatten, darüber streiten sich inzwischen die Gelehrten. Eines ist klar: Die Jünger hatten etwas zu essen dabei: 5 Brote waren es. Das hätte wahrscheinlich nicht einmal für die Jünger selbst gereicht.

Und was auch die Gelehrten inzwischen wundert: Die Jünger hatten noch zwei Fische dabei. Dazu muss man wissen: Der Fisch war der Luxus. Er war das Gewürz, das dem Essen etwas Besonderes verlieh. Warum die Jünger diese Fische mit sich herumtrugen? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung.

Vielleicht war das für die Jünger einfach ein bisschen Leichtigkeit im Leben? Vielleicht war es ihr Weg zu sagen: Das Leben muss nicht einfach nur funktionieren, sondern es darf auch einmal etwas genießen.

Genießen ist in den letzten Monaten bei vielen von uns sicher zu kurz gekommen. Wann haben Sie sich das letzte Mal in einem Restaurant verwöhnen lassen? Wann gab es das letzte Mal einen Wellnesstag? Wann den Genuss von Kunst und Kultur?

Diese Fische machen mich nachdenklich und ich werde einmal schauen, was in unseren Tagen für mich ein Fisch sein kann, der den heutigen Tag zum Luxustag machen kann – und ich sage das ganz bewusst auch in der Fastenzeit.

Jesus nahm die Brote und die Fische, schaute in den Himmel als wolle er dafür danken und darum beten, dass sie uns allen Speise und Luxus würden. Als Zeichen dafür segnete er die Brote, bevor er sie in Stücke brach. Und dann begannen die Jünger die Brote und die Fische zu verteilen.

Wir saßen in kleinen Gruppen und waren sicher: Irgendwann werden auch wir etwas davon abbekommen. Wie genau es gelang, weiß ich nicht. Aber nach und nach tauchte immer mehr Nahrung in unseren kleinen Gruppen auf. Am Ende wurden wir alle satt und es blieb noch körbeweise übrig.

Ein Wunder von damals, das aus der Zeit gefallen ist. Und doch frage ich mich, ob es nicht auch heute noch Wunder gibt. Sicher: Aber wie wäre es wohl, wenn wir uns in dem Vertrauen zusammensetzen, dass wir genug haben werden, von dem, was wir zurzeit am meisten brauchen?

Damals mussten sie in kleinen Gruppen zusammen sein, um satt zu werden. Heute unter den Bedingungen der Kontaktbeschränkungen wären die Gruppen noch kleiner. Vielleicht vier oder fünf Personen. Aber selbst in diesen kleinen Gruppen können wir so viel teilen, weil wir so reich beschenkt wurden.

Rödelheimer Glücksmomente

Wir haben in den letzten Wochen in Rödelheim herumgefragt, was die stärkenden und ermutigenden Erfahrungen der letzten Monate waren. Einige haben uns per Brief davon erzählt, andere haben sich auf Video bannen lassen.

Video1

Also für mich ist erstmal wichtig, dass ich die positiven Seiten sehe.

Video2

Ich habe bis Ende Januar an einer Frankfurter Schule als Vertretungslehrer gearbeitet. Dort war ab Dezember Lockdown und die Schülerinnen und Schüler konnten nicht mehr kommen. Allerdings wurde dann beschlossen, dass einige Kinder aus der Intensivklasse, die noch nicht gut deutsch sprechen, in die Schule kommen durften. Ich habe diese Klasse betreut und es war wirklich schön zu sehen, wie auf einmal diese Schülerinnen sich auf die Schule gefreut haben und dankbar waren, dass sie in die Schule kommen durften. Das war ein tolles Erlebnis.

Video3

Ein Glücksmoment könnte doch sein, wenn man bedenkt, dass in der Corona-Zeit so viele Leute, die sonst Grippe und Durchfall bekommen hätten, dies nicht bekommen haben. Denn sie haben gelernt, sich ständig die Hände zu waschen. Das ist doch schön.

Video4

Im Frühjahr habe ich begonnen, viel mehr Spaziergänge hier zu machen. Das ist etwas, was man in Rödelheim gut kann. Und so konnte ich die Natur und die Parks hier mehr genießen.

Video5

Es ist so gut, dass es in Rödelheim die Nidda gibt! An ihr entlang zu walken, von Rotkehlchen begleitet, vorbei an Graureihern, Schwänen, Enten, Kormoranen und Gänsen, einen Schwarm Zeisige beobachten – da erholt sich die Seele. Das Tollste war aber, als wir im November den Biberbau in Nied entdeckt haben: Seitdem gehen wir fast jeden Tag nachsehen, ob noch alles in Ordnung ist bei Bibers. Einmal haben wir ihn sogar schwimmen sehen! (Es war nicht das Nutria!) Egal, ob Frost, Schnee, Regen oder Sonnenschein – es ist immer wieder anders und immer wieder schön.

Wiederholbare Glücksmomente eben!

Video6

Ich fand’s gut, weil es keine Schule gab und weil ich meinen Geburtstag feiern konnte.

Video7

Auch ganz wichtig ist für mich die Musik. Mit der Musik kann ich neue Hoffnung schöpften. Da fühle ich mich geborgen und es ist für mich wie eine Art Seelsorge.

Video8

Durch die Corona-Krise habe ich meine Leidenschaft zur Kunst nochmal etwas verstärken können.

Video9

Mir war auch sehr wichtig, weiter Gemeinschaft zu erfahren. Während Corona ist das nicht leicht, aber ich habe es mir als Aufgabe immer wieder neu gestellt, in Kontakt zu bleiben – auch per Telefon oder WhatsApp.

Satt sein

Alle wurden satt, damals am Ufer des Sees Genezareth. Und wir hatten noch genug übrig, um es mit anderen zu teilen. Zwölf Körbe, das stand für die zwölf Stämme Israel. In einer anderen Erzählung waren es sieben Körbe. Da stand es sogar für die ganze Welt. Körbe voll Brot für die Welt, weil einfach genug da war – in diesem einen Moment, wo wir lernten auf das zu schauen, was Gott uns schenkt und uns beschenken ließen.

Diese Erfahrung hat viele von uns noch lange beschäftigt.

Ich will mich auch in unseren Tagen von dieser Erfahrung mitreißen lassen. Lasst und zu Schatzsuchern werden, denn es gibt neben aller Sorge und allen Hiobsbotschaften so viel, bei dem wir uns beschenkt fühlen können. Lasst uns hinschauen – gerade in dieser armen Zeit auch auf die Momente der Fülle. Gebt die Sehnsucht nicht auf, dann wird Gott euch auch heute noch beschenken – auf eine Art, wie ihr es vielleicht nicht erwartet, aber ganz sicher auf eine Art, die euch zur Kraft und Stärke wird.

Und der Friede und die Barmherzigkeit Gottes, der höher ist als alles, was wir erklären und begreifen können, bewege eure Herzen und Sinne. Heute genau wie alle Tage.

Amen.

Nehmt dies mit und geht in die Woche mit Gottes Segen

Gott segne dich und behüte dich.
Er schaue dich mit wachen Augen an und lasse sein Angesicht leuchten über dir.
Er lege den Mantel seiner Barmherzigkeit um sich und schenke dir Frieden.
Amen.