Cyriakusgemeinde

Evangelisch in Rödelheim

JacLou DL auf Pixabay

Wenn dem Esel der Teppich ausgerollt wird

28. März 2021
Generationsübergreifend
Gottesdienst

Ein Gottesdienst für Zuhause am Palmsonntag 2021. Feiern Sie gemeinsam und erleben Sie etwas von diesem ganz anderen Einzug und entdecken Sie, was es mit dem Esel wirklich auf sich hat. Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit, zünden Sie vielleicht eine Kerze und hören Sie auf das Geläut der Cyriakuskirche.

Glockengeläut

Eigentlich

Wieder einmal könnte ich diesen Sonntag mit einem großen „EIGENTLICH“ beginnen. Denn eigentlich hätten heute die Konfirmandinnen und Konfirmanden des Jahrgangs 2019-20 ihren Corstellungsgottesdienst feiern wollen. Erst als großes Fest in Gemeinschaft versammelt, dann als Video mit einer gemeinsamen Vorbereitung an unterschiedlichsten Orten unserer Stadt. Doch selbst das ging unter der aktuellen Corona-Lage nicht.

So bleibt für heute vor allem das Echo eines feierlichen Einzugs Jesu nach Jerusalem, um den es an Palmsonntag geht: Jesus zieht nach Jerusalem und die Menschen an den Straßenrändern feiern ihn, loben Gott für diesen einzigartigen Tag und setzen alle Hoffnung auf diesen ganz anderen Messias.

Kommen Sie mit und lassen Sie dieses Echo in Ihren Tag hinein klingen.

Votum

Wir feiern Gottesdienst

anders und leiser in diesem Jahr

im Namen Gottes, des Vaters

weil wir auf seine Verheißung des Lebens vertrauen

und des Sohnes

weil mit seinem Einzug in das Leben die Welt auf den Kopf gestellt wurde

und des Heiligen Geistes

der Menschen damals und heute berauscht, Mut und Kraft schenkt, wo zuvor Verzweiflung lähmte

Amen.

Den Teppich ausrollen – ein erster Versuch

Was wäre, wenn Gott wirklich in diesen Tagen durch die Straßen von Rödelheim zöge? Alle Sorgen dahin? Alle Furcht vor der Krankheit verschwunden? Alle Einschränkungen und Begrenzungen der letzten Monate auf einmal aufgehoben?

Manchmal wünsche ich mir die Superhelden meiner Kindheit zurück. Manchmal hoffe ich auf den Punkt, der das Leben vom Kopf wieder auf die Beine stellt, wo alles so unendlich durcheinander geraten ist.

Was wäre, wenn Gott wirklich in diesen Tagen durch die Straßen von Rödelheim zöge? Käme er dann auf einem feurigen Wagen? Käme er königlich wie im Märchen auf starken Rossen? Führe er in einem hochmotorisierten Sportwagen? Käme er auf modernsten Flügeln und landete er direkt im VIP-Bereich des Frankfurter Flughafens? All das passt nicht so recht in das Bild, wie es die Evangelien zeichnen.

Wenn Gott wirklich in diesen Tagen durch die Straßen von Rödelheim zöge und wenn der heutige Gott nur im geringsten etwas mit dem damaligen Glauben zu tun hat, dann käme er so, dass nicht nur ich mich wundern würde.

Ob man ihm einen Teppich ausrollte – ich weiß es nicht. Ob er mit Prunk und Macht käme – ich glaube es nicht. Ob Gott überhaupt in unsere Kategorien von Macht und Machen, Geschlecht und Herrschaft, Erfolg und Statistik passt – ich bezweifle es.

Dein König kommt in niedern Hüllen (EG 14)

Das Sie finden das Lied zum Mitsingen in diesem Video

1Dein König kommt in niedern Hüllen,
ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,
empfang ihn froh, Jerusalem!
Trag ihm entgegen Friedenspalmen,
bestreu den Pfad mit grünen Halmen;
so ist’s dem Herren angenehm.

2O mächt’ger Herrscher ohne Heere,
gewalt’ger Kämpfer ohne Speere,
o Friedefürst von großer Macht!
Es wollen dir der Erde Herren
den Weg zu deinem Throne sperren,
doch du gewinnst ihn ohne Schlacht.

3Dein Reich ist nicht von dieser Erden,
doch aller Erde Reiche werden
dem, das du gründest, untertan.
Bewaffnet mit des Glaubens Worten
zieht deine Schar nach allen Orten
der Welt hinaus und macht dir Bahn.

Den Teppich ausrollen – noch ein Versuch

An Palmsonntag erzählen die Evangelien von Jesu Einzug in Jerusalem. Die Berichte über das Leben und das Sterben Jesu biegen heute auf die Zielgerade ein. Mit dabei ist in dieser Erzählung der rote Teppich. Denn die Propheten hatten es sich so erhofft: Wenn der Moment der Rettung da ist, wird der Messias mit allen königlichen Zeichen in die Metropole Jerusalem einziehen. Und zugleich hatten die Propheten schon eine Ahnung: Wenn er kommt, wird er nicht mit Feuer und Schwert kommen, sondern auf dem Weg des Friedens.

Bei Sacharja ist das beschrieben (und Sie werden die ersten Worte davon kennen…).

Sacharja 9,9+10

9Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Was wäre, wenn Gott wirklich in diesen Tagen durch die Straßen von Rödelheim zöge?

Vielleicht fangen wir an, uns von dem Bild eines starken Superhelden zu verabschieden. Der an Palmsonntag auf dem Weg zu den Menschen ist, hat andere Qualitäten: ein gerechter Helfer soll er sein, ein Kenner der Armut, unterwegs nicht mit den Gefährten der Kriegsherren, sondern auf die Art der armen Leute. Jesus kommt auf einem Esel, den er nicht einmal selbst besitzt.

Schauen wir, wie es Markus in seinem Bericht von Palmsonntag beschreibt…

Markusevangelium 11,1-11

1Kurz vor Jerusalem kamen Jesus und seine Jünger nach Betfage und Betanien am Ölberg. Da schickte Jesus zwei seiner Jünger voraus 2und sagte zu ihnen:
»Geht in das Dorf, das vor euch liegt. Gleich wenn ihr hineinkommt, findet ihr einen jungen Esel angebunden. Auf ihm ist noch nie ein Mensch geritten. Bindet ihn los und bringt ihn her. 3Und wenn euch jemand fragt: ›Was macht ihr da?‹, dann sagt: ›Der Herr braucht ihn, aber er wird ihn gleich wieder zurückschicken.‹«

4Die Jünger gingen in das Dorf und fanden den Esel. Er war an einem Hoftordraußen an der Straße angebunden. Sie machten ihn los.5Einige der Leute, die dort standen, fragten sie: »Was macht ihr? Warum bindet ihr den Esel los?« 6Die beiden Jünger antworteten genau so, wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte. Da ließen sie es zu.

7Sie brachten den jungen Esel zu Jesus und legten ihre Mäntel auf seinen Rücken.
Jesus setzte sich darauf. 8Viele Leute breiteten ihre Mäntel auf der Straße aus. Andere aber legten Zweige hin, die sie am Feldrand abschnitten.

9Die Leute, die vor Jesus hergingen und ihm folgten, riefen unablässig:
»Hosianna! Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt!
10Gesegnet sei die Herrschaft unseres Vorfahren David, die jetzt neu beginnt.
Hosianna in himmlischer Höhe!«

11So zog Jesus in Jerusalem ein.
Er ging in den Tempel und sah sich dort alles an.
Als es spät geworden war, ging er mit den Zwölf hinaus nach Betanien.

Größer hätte ein Einzug wahrscheinlich kaum sein können: Die Menschen legen ihre Kleider in den Staub der Straße – denn Jesus soll nicht durch den Dreck ziehen. Sie streuen Blätter der grünen Pflanzen vom Wegesrand auf den Weg – denn Jesus soll auf einem Bett von Palmen gehen.

Und noch einmal die Frage: Was wäre, wenn Gott wirklich in diesen Tagen durch die Straßen von Rödelheim zöge? Ob dann ein roter Teppich dort läge, in der Hoffnung, dass jemand kommt, uns aus dem unwirklichen Alptraum der Corona-Wirklichkeit reißt? Ob dann die Menschen auf den Balkonen ständen, in der Hoffnung, dass endlich jemand Berge versetzt – all diese Berge von Problemen einer immer komplexer werdenden Welt – und die Bahn frei macht für einen Neuanfang?

Ich merke, wie das Bild eines triumphalen Einzugs mich immer wieder an die Superhelden meiner Kindheit denken lässt. Wie gut, dass beim Einzug Jesu ein kleines Detail so ganz und gar nicht zum Superhelden passt.

Statt des starken mit goldener Rüstung versehenem Schlachtrosses des Superhelden läuft ein junger geduldiger kleiner Esel durchs Bild und setzt beharrlich einen Fuß vor den anderen. Statt eines Prunk- oder Schlachtwagens kommt Jesus mit einem praktischen Reittier der armen Leute, das keinen Luxus zu bieten hat und als Schlachttross höchstens für einen wie Sancho Panza, den Knappen des Don Quijote reicht.

DonQuijote-Esel

Im Vergleich zum Schlachtross gibt der Esel mit seinem Reiter ein schon fast groteskes Bild ab. Und so passt es zum Weg des Gottes, der so sehr Mensch wird, dass er durch die dunkelsten Stunden hindurchgeht.

Mit dem Esel unterwegs

Wenn der Esel das kommentieren könnte, würde er wahrscheinlich sagen: Wer mit mir durch das Leben geht, erfährt den Weg der Armut, der zwingt, dass es ihm gerade nicht um Kampf, Schnelligkeit und Stärke geht. Wer mit mir unterwegs ist, lernt zu vertrauen und abzuwarten, wo mein Instinkt mich zum Warten zwingt. Wer mit mir einen Fuß vor den anderen setzt, ist gezwungen, langsam zu gehen, egal ob unter den Füßen ein roter Teppich liegt oder ob da die Tiefen des menschlichen Leids zu finden sind.

Jesus brauchte den Leih-Esel, um allen Ideen des gewaltsamen Messias den Riegel vorzuschieben. Jesus braucht dieses beharrliche Tier, weil er selbst beharrlich den Weg des Friedens sucht. Jesus braucht den Leih-Esel, um im Leben aller Menschen präsent zu sein. Und vor allem braucht Jesus den Leih-Esel, weil sein Weg in keine Schublade passt.

Und der Friede Gottes,

der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne
in Christus Jesus.
Amen.

Zum Weiterdenken

Wie würde Jesus wohl heute in Rödelheim einziehen? Welches Gefährt wäre für ihn wohl angemessen? Und warum würde Ihnen das gerade in diesen Tagen vielleicht Trost und Hilfe sein? Wenn Sie möchten, dann teilen Sie in den Kommentaren zur Andacht Ihre Gedanken dazu. Das können einzelne Worte, Bilder oder auch längere Texte sein – nur Mut!

Komm

Gott!
Auf der Zielgerade der Passionszeit wollen wir deine Nähe spüren.

Geh mit uns auf unseren Straßen,
nimm wahr, wo die Wege voller Dornen sind,
trage mit uns, was uns bedrückt und quält.

Geh mit den Hoffnungsvollen.

Geh mit den Kindern und denen, die noch Träumen.

Geh mit den Kranken, gerade in dieser Zeit der Pandemie.

Geh mit den von Sorgen gequälten.

Geh mit den Trauernden.

So bleibe du bei uns, was immer der morgige Tag auch bringt.

Amen.

Wer mag, kann noch ein Vaterunser anschließen.

Segen

Und so bleibe Gott mit seinem Segen bei dir,

heute, morgen und alle Tage.

Amen.